Nebenberuflich selbstständig in der Schweiz: sauber starten
Arbeitsvertrag, AHV-Status und Beiträge, erste Kunden und Rechnungen: So planen Sie den Nebenerwerb, ohne CHF 2'500 als allgemeine Anmeldefreiheit zu verstehen.
Founder of Magic Heidi
Neben einer Anstellung selbstständig zu arbeiten kann ein Weg sein, ein Angebot zu testen. Ein laufender Lohn nimmt Ihnen aber weder das Auftragsrisiko noch die Melde-, Steuer- und Bewilligungsfragen ab. Prüfen Sie diese Punkte vor dem ersten grösseren Auftrag, statt erst bei der Steuererklärung.
Darf ich als Angestellter nebenher selbstständig sein?
Prüfen Sie Arbeitsvertrag und Personalreglement auf Melde- oder Zustimmungspflichten. Auch ohne ausdrückliche Klausel sind Treuepflicht, Konkurrenz zum Arbeitgeber, Leistungsfähigkeit im Hauptjob und gegebenenfalls Arbeitszeit- und Ruhezeitregeln relevant. Die schlichte Formel «ausserhalb meiner Arbeitszeit ist alles erlaubt» reicht nicht.
Nutzen Sie weder Kundendaten noch Material Ihres Arbeitgebers ohne Erlaubnis. Halten Sie eine nötige Zustimmung schriftlich fest. Bei ausländischer Staatsangehörigkeit oder reglementierten Berufen sind Aufenthalts-/Arbeitsrecht und Berufszulassung separat zu prüfen. Das weiterführende Thema behandelt der Ratgeber zur Doppelerwerbstätigkeit.
SVA-Anmeldung: Die CHF-2'500-Regel richtig verstehen
Das offizielle AHV-Merkblatt 2.02, Stand 1. Januar 2026, sagt: Bei selbstständiger Erwerbstätigkeit im Nebenberuf mit maximal CHF 2'500 Jahreseinkommen werden Beiträge nur auf Wunsch erhoben.
Das ist eine Beitragsregel, kein allgemeiner Steuerfreibetrag und keine pauschale Zusage «nirgends anmelden». Sie ersetzt nicht die Prüfung, ob Ihre Tätigkeit überhaupt als selbstständig gilt. Klären Sie bei Ihrer Ausgleichskasse, welche Meldung bzw. welches Gesuch in Ihrer Situation erforderlich ist. Die Regel betrifft das massgebende Einkommen, nicht die Summe Ihrer Rechnungen. Bei Überschreiten ist sie kein Freibetrag, der einfach vom beitragspflichtigen Einkommen abgezogen wird.
Bei tieferen Einkommen kann grundsätzlich ein Mindestbeitrag relevant sein. Wer ihn bereits über eine Anstellung bezahlt hat, kann unter den im Merkblatt genannten Voraussetzungen die Erhebung zum niedrigsten Satz der sinkenden Skala verlangen. Das passiert nicht schon deshalb automatisch, weil eine Tätigkeit «nebenberuflich» heisst. Verwaltungs- und Familienzulagenbeiträge sind zusätzlich zu prüfen.
Selbstständig ist nicht jeder, der eine Rechnung schreibt
Die Ausgleichskasse beurteilt die tatsächliche Tätigkeit: eigenes wirtschaftliches Risiko, unabhängige Arbeitsorganisation, Marktauftritt und Kundenbeziehungen. Mehrere Auftraggeber sind ein Indiz; eine bestimmte Kundenzahl garantiert die Anerkennung nicht.
Fiktives Planungsszenario: Eine angestellte Designerin übernimmt zwei kleine Website-Aufträge unter eigenem Namen. Sie vereinbart den Umfang selbst, trägt Korrektur- und Zahlungsausfallrisiken und nutzt ihre eigenen Mittel. Das sind relevante Angaben für ein Gesuch, aber kein von uns vorweggenommener Statusentscheid. Arbeitet sie stattdessen weisungsgebunden im Team eines Auftraggebers, muss dieses Verhältnis anders geprüft werden.
Verträge, Offerten, Rechnungen, eigene Ausgaben und Belege zur Akquise helfen bei der Prüfung. Es gibt keine universelle Vorgabe «genau drei Rechnungen und danach vier Wochen warten». Folgen Sie den Unterlagen Ihrer zuständigen Kasse. Mehr dazu: Scheinselbstständigkeit.
Steuern, Handelsregister und MWST getrennt behandeln
Deklarieren Sie die selbstständigen Einkünfte und geschäftlich begründeten Aufwendungen im vorgesehenen Steuerverfahren. Die AHV-Beitragsregel schafft kein steuerfreies Einkommen. Ob tatsächlich zusätzliche Einkommenssteuer anfällt, hängt von Ihrer gesamten Situation ab. Bei Quellenbesteuerung fragen Sie nach dem richtigen Melde- und Veranlagungsverfahren im Kanton.
Eine Einzelfirma benötigt kein Mindestkapital. Ein Handelsregistereintrag ist nicht vor jeder ersten Rechnung nötig; die gesetzlichen Voraussetzungen zur Eintragung und Ausnahmen sind aber zu prüfen. Das KMU-Portal zum Einzelunternehmen erklärt auch die Buchführung: unter CHF 500'000 Umsatz mindestens Einnahmen, Ausgaben und Vermögenslage.
Die MWST ist eine weitere Frage. Für gewöhnliche Unternehmen gilt grundsätzlich mindestens CHF 100'000 massgebender weltweiter Umsatz aus nicht von der Steuer ausgenommenen Leistungen als Schwelle. Freiwillige Registrierung ist möglich. Eine Anstellung wird nicht einfach zu diesem Umsatz addiert. Ohne MWST-Registrierung weisen Sie keine MWST aus; Einzelheiten unter MWST für Freelancer.
Stundensatz und Zeitbudget für den Nebenerwerb
Planen Sie zuerst verfügbare Zeit: Kundenarbeit, Besprechungen, Akquise und Administration. Verkaufen Sie nicht sämtliche freien Abende, wenn danach kein Puffer für Korrekturen bleibt. Eine formale Grenze von pauschal 50 % definiert den Nebenerwerb nicht für jeden Zweck.
Ihr Preis muss zum Leistungsumfang und den Kosten passen. Frei gewählte Beispielannahme: CHF 12'000 benötigter Jahresumsatz bei 120 fakturierbaren Stunden ergeben CHF 100 pro Stunde ohne MWST. Sind nur 80 Stunden verkäuflich, wären es CHF 150. Daraus folgt kein Schweizer Marktminimum und keine allgemeine Verdoppelungsregel gegenüber Ihrem Angestelltenlohn.
Der Preisleitfaden erklärt die Kalkulation. Vereinbaren Sie Umfang, Korrekturen, Termin und Zahlungsziel vor Beginn.
Die ersten Kunden und die erste Rechnung
Beginnen Sie mit einem konkret beschriebenen Angebot und passenden Kontakten. Sprechen Sie ehemalige Kolleginnen oder andere zulässige Netzwerkpartner auf ein bestimmtes Problem an, nicht pauschal «ich mache jetzt alles». Kundendaten Ihres Arbeitgebers sind dafür kein frei verfügbares Adressbuch. Nutzen Sie den Guide zur Kundenfindung.
Eine Rechnung sollte Absender, Kunde, Datum, Leistung, Betrag, Währung und Zahlungsangaben nachvollziehbar ausweisen. Eine QR-Rechnung kann die Zahlung erleichtern; sie ist keine allgemeine Voraussetzung dafür, als Freelancer starten zu dürfen. Belege, Kontoauszüge und Rechnungen gehören von Anfang an zusammen abgelegt.
Ihre Start-Checkliste statt einer anmeldefreien 90-Tage-Frist
- Arbeitsvertrag, Bewilligungen und Versicherungslücken klären.
- AHV-Status und Verfahren mit der zuständigen Kasse besprechen.
- Angebot und Umfang auf verfügbare Kapazität abstimmen.
- Erste Aufträge schriftlich vereinbaren und sauber abrechnen.
- Einkommen, Ausgaben, Rücklagen und MWST-relevanten Umsatz verfolgen.
- Beim Übergang in den Haupterwerb Beiträge, Vorsorge und Deckung neu prüfen.
Eine bestehende Unfallversicherung aus der Anstellung deckt nicht automatisch sämtliche finanziellen Risiken Ihrer Selbstständigkeit. Prüfen Sie Unfalldeckung, Erwerbsausfall und Haftpflicht konkret. Für Rechnungen können Sie Magic Heidi ansehen. Die App ersetzt weder Statusentscheid noch Steuererklärung oder Versicherungsberatung.
Allgemeine Orientierung; Quellen geprüft am 1. November 2026.