Projekt- vs. Stundensatz: Was funktioniert wirklich?

Festpreisprojekte wirken sicher, scheitern aber oft. Stundensätze bestrafen Effizienz. So wählen Sie das richtige Preismodell für Ihr Freelance-Business 2025.

Swiss Freelancer Working

Sie haben wahrscheinlich widersprüchliche Ratschläge gehört: «Nie nach Stunden abrechnen» versus «Festpreisprojekte sind immer Verlustgeschäfte».

Nach Jahren als Freelancer und in der Projektleitung einer Webagentur weiss ich: Keines der Extreme stimmt. Das passende Preismodell hängt von Ihrer Erfahrung, Ihrem Kunden und Ihrem Projekttyp ab.

Worauf es wirklich ankommt: Verstehen, wann welches Modell funktioniert, wie Sie die Katastrophen vermeiden, die der Projektpreisgestaltung ihren schlechten Ruf geben, und wie Sie Ihre Preisstrategie mit wachsender Erfahrung weiterentwickeln.

Warum Kunden auf Festpreise drängen

Die meisten Kunden fragen nach einem Festpreis, bevor die Arbeit beginnt. Verständlich – sie wollen Budgetsicherheit.

Das Problem? Diese nachvollziehbare Anfrage wird zur Falle für unerfahrene Freelancer.

Das unmögliche Schätzproblem

Ein Kunde fragte mich einmal: «Was würde es kosten, eine App wie Facebook zu bauen?» Extremes Beispiel, aber die Grundproblematik ist real. Projektzeiten akkurat zu schätzen ist selbst für erfahrene Profis unglaublich schwierig.

💰
Teure OffertenGrosse Agenturen verlangen 10-20% der Gesamtkosten allein für detaillierte Spezifikationen
⚠️
Kostspielige FehlerBei Stundensätzen von 120-180 CHF kostet Sie eine 20-Stunden-Fehlschätzung über 2'400 CHF
📉
Falsche AnreizeFestpreise ohne klare Grenzen erzeugen Druck, Abstriche zu machen und Arbeit zu überstürzen

Die wahren Kosten falsch umgesetzter Festpreise

In meiner Agenturzeit massen wir die Projektrentabilität mit einer einfachen Formel:

Verrechnete Stunden ÷ Tatsächlich geleistete Stunden

Da der Verkauf den Preis bereits fixiert hatte, blieb nur eine Variable: Arbeitsstunden minimieren.

Das schuf toxische Anreize:

  • So schnell wie möglich programmieren (Qualität wird zweitrangig)
  • Alle Änderungswünsche ablehnen, die nicht in der Originalspezifikation stehen
  • Unsichtbare Arbeit streichen wie Tests, Fehlerbehandlung und Dokumentation

Wenn ein Projekt das Budget überschritt, explodierten die Spannungen. Projektleiter sahen die Rentabilität einbrechen und versuchten, den Zeitaufwand zu minimieren. Kunden fühlten sich vernachlässigt. Beide Seiten waren frustriert.

Die falschen Anreize sind das eigentliche Problem – nicht die Projektpreisgestaltung an sich.

Die versteckten Probleme der Stundenabrechnung

Bevor wir die Stundenabrechnung zur Lösung krönen, sollten wir ihre ernsthaften Schwächen anerkennen.

Time Tracking Analytics

Was die Daten wirklich zeigen

Aktuelle Daten aus dem Schweizer und französischen Markt zeigen überraschende Muster:

  • Schweizer Freelancer-Stundensätze lagen 2021 im Schnitt bei 137.68 CHF, ein Rückgang von 9,4% gegenüber Vorjahren
  • Scope Creep kostet Unternehmen durchschnittlich £5'830 pro Monat, wobei 58% es unangenehm finden, das anzusprechen
  • Erfahrene französische Freelancer empfehlen den Wechsel zu Projektpreisen für langfristig höhere Rentabilität
  • Der Mindest-Stundensatz in der Schweiz sollte bei 100 CHF liegen, und «nur etwa die Hälfte bleibt nach Steuern und Overhead»

Die Daten deuten auf ein Reifegradmodell hin: Anfänger sollten stündlich abrechnen, um akkurates Schätzen zu lernen, während erfahrene Freelancer mit Projekt- oder wertbasierter Preisgestaltung mehr verdienen.

Der wahre Feind

Scope Creep verhindern

Das Katastrophenszenario, das Menschen bei Projektpreisen fürchten, ist nicht das Modell selbst – es ist unkontrollierter Scope Creep. Scope Creep entsteht, wenn Projektanforderungen wachsen, ohne Preis oder Zeitplan anzupassen.

  • 📋
    Spezifische Lieferobjekte definieren

    Genaue Zahlen angeben: Seiten, Funktionen, Wortanzahl, Korrekturschleifen

  • 📝
    Strukturierte Verträge nutzen

    Festhalten, was enthalten ist, was nicht, und wie Änderungen behandelt werden

  • 🔄
    Change Orders einführen

    Optionen präsentieren und schriftliche Freigabe einholen vor Umsetzung

  • 💬
    Fortschritt kommunizieren

    Updates bei Meilensteinen teilen, um überraschende Änderungswünsche zu vermeiden

Rechnungen
  • Rechnung #3

    Magic Heidi

    CHF 500

    Jan 29

  • Rechnung #2

    Webbiger LTD

    CHF 2000

    Jan 24

  • Rechnung #1

    John Doe

    CHF 600

    Jan 20

Preisstrategie

Das Preis-Reifegradmodell

Die richtige Preisstrategie entwickelt sich mit Ihrer Erfahrung.

Stufe 1: Einsteiger (0-1 Jahr)

Empfohlen: Stundensatz mit Stundenobergrenze

Legen Sie einen Stundensatz fest (mindestens 100 CHF in der Schweiz) mit einer Projektobergrenze. Tracken Sie alles – diese Daten werden unbezahlbar.

  • Sie wissen noch nicht, wie lange Aufgaben wirklich dauern
  • Kunden vertrauen Ihnen keine grossen Festpreise an
  • Sie brauchen Daten für bessere Schätzungen
  • Beispiel: 40-50 Stunden à 120 CHF/Stunde, max. 60 Stunden

Stufe 2: Wachsend (1-3 Jahre)

Empfohlen: Tagessätze oder kleine Festpreisprojekte

Sie haben jetzt historische Daten. Tagessätze von 960-1'120 CHF/Tag für Generalisten, 1'440-1'760 CHF/Tag für Spezialisten.

  • Sie kennen typische Projektdauern
  • Tagessätze (TJM) werden attraktiv
  • Bieten Sie Festpreise für klar definierte Projekte
  • Sie haben ähnliche Arbeit bereits gemacht

Stufe 3: Etabliert (3-5 Jahre)

Empfohlen: Projektbasiert mit klarem Scope

Sie können akkurat schätzen und haben Prozesse, Templates und Systeme. Sie profitieren von Effizienzsteigerungen.

  • 100% Nutzen aus Produktivitätsverbesserungen
  • Anreiz zu optimieren und automatisieren
  • Nur Festpreise für bekannte Projekte offerieren
  • Historische Daten unterstützen akkurate Schätzungen

Stufe 4: Experte (5+ Jahre)

Empfohlen: Wertbasierte Preise + Retainer

Kunden engagieren Sie für Ergebnisse. Preisgestaltung basierend auf 15-25% des erwarteten Wertzuwachses im ersten Jahr.

  • Preis basiert auf geschaffenem Wert, nicht Stunden
  • Monatliche Retainer bieten Stabilität
  • Ausrichtung am Kundenerfolg
  • Beispiel: 40'000 CHF für 200'000 CHF Umsatzsteigerung
Preismodelle

Alle Preisoptionen verstehen

Wählen Sie das Modell, das zu Ihrem Erfahrungsstand, Projekttyp und Ihrer Kundenbeziehung passt.

ModellOptimal fürSchweizer TarifeStruktur
StundenabrechnungUnklarer Scope, neue Kunden, Wartungsarbeiten100-220 CHF/StundeZeit erfassen, monatlich fakturieren
Tagessätze (TJM)Langzeitverträge, Beratungsmandate960-1'760 CHF/TagÄhnlich wie Stunden, flexibler Tagesablauf
ProjektbasiertKlar definierte Lieferobjekte, wiederholbare LeistungenStunden × Satz × 1.250% Anzahlung, 50% bei Abschluss
WertbasiertProjekte mit hoher Wirkung, messbare Ergebnisse15-25% des WertsBasiert auf Ergebnissen, nicht Aufwand
RetainerLaufende Beziehungen, wiederkehrende ArbeitFeste MonatspauschaleMonatlich wiederkehrend, 30-90 Tage Kündigungsfrist
HybridmodellKomplexe Projekte mit unklaren ElementenGrundpreis + StundenFester Kern + Stunden für Änderungen

Ihren Schweizer Freelance-Stundensatz berechnen

Raten Sie nicht bei Ihren Tarifen. Berechnen Sie sie basierend auf Ihren finanziellen Bedürfnissen.

Grundformel

(Gewünschtes Jahreseinkommen + Geschäftsausgaben) ÷ Verrechenbare Stunden pro Jahr

Beispielrechnung:

  • Gewünschtes Einkommen: 100'000 CHF
  • Geschäftsausgaben: 20'000 CHF (Versicherung, Software, Büro, Marketing)
  • Gesamtbedarf: 120'000 CHF
  • Verrechenbare Stunden: 1'344 (28 Stunden/Woche × 48 Wochen)
  • Mindest-Stundensatz: 89 CHF

Aber das beinhaltet keine Sozialabgaben...

Schweiz-spezifische Faktoren

Sozialabgaben:

  • AHV/IV/EO (Sozialversicherung): ~10% des Einkommens
  • Pensionskasse (BVG): Entweder über Säule 3a oder Auffangeinrichtung
  • Unfallversicherung (UVG): Obligatorisch
  • Krankenversicherung: Mindestens 300-600 CHF/Monat

Realistische Rechnung:

  • Benötigter Umsatz: 120'000 CHF
  • Sozialabgaben (~10%): 12'000 CHF
  • Versicherungen: 9'600 CHF
  • Gesamtbedarf: 141'600 CHF
  • Realistisches Minimum: 105 CHF/Stunde

Und denken Sie daran: Das ist Ihr Minimum zum Kostendecken. Für Gewinn und Wachstum rechnen Sie 20-30% drauf.

Realistische Schweizer Tarife:

  • Junior (0-2 Jahre): 100-120 CHF/Stunde
  • Mid-Level (2-5 Jahre): 120-160 CHF/Stunde
  • Senior (5+ Jahre): 160-220+ CHF/Stunde

Warnsignale:
Wann Sie absagen sollten

Bestimmte Warnsignale zeigen an, dass Sie den Auftrag ablehnen sollten – unabhängig vom Preismodell.

🛡️ Schützen Sie Ihr Business
💼 Wählen Sie Qualitätskunden
Wert über Preis
⚠️
Undefinierter Scope

Verlangt Festpreis ohne Spezifikationsdokument

🚩
Misstrauen von Anfang an

Hinterfragt Ihre Integrität bei der Zeiterfassung bereits vorab

💸
Unrealistisches Budget

Will 30'000 CHF Arbeit für 5'000 CHF

🎯
Nur-Preis-Entscheidung

Entscheidet allein danach, wer am günstigsten ist

Ihre Entscheidung treffen: Ein Framework

Stellen Sie sich diese Fragen:

Zum Projekt:

  • Kann ich die Lieferobjekte präzise definieren?
  • Habe ich ähnliche Arbeit bereits gemacht?
  • Wird sich der Scope wahrscheinlich ändern?

Zum Kunden:

  • Ist das eine neue oder bestehende Beziehung?
  • Versteht er den Wert, den ich liefere?
  • Ist er organisiert mit klaren Entscheidungswegen?

Zu Ihnen selbst:

  • Wie hoch ist mein Erfahrungsstand?
  • Kann ich diese Arbeit akkurat schätzen?
  • Habe ich Systeme, um effizient zu arbeiten?

Entscheidungsmatrix:

Ihre SituationEmpfohlenes Modell
Neuer Kunde + unklarer ScopeStundensatz mit Obergrenze
Bestehender Kunde + klar definiertes ProjektFestpreis
Langzeitbeziehung + laufende ArbeitRetainer
Projekt mit hoher Wirkung + messbarer ROIWertbasiert
Wiederholbare Leistung + bewährter ProzessFestpreis
Komplexes Projekt + gewisse UnsicherheitHybridmodell
Professionelle Tools

Tools für jedes Preismodell

Ob Sie nach Stunden, Projekt oder wertbasiert abrechnen – Sie brauchen Systeme für Zeiterfassung, Schweiz-konforme Rechnungen und Rentabilitätsüberwachung.

Magic Heidi Invoice Management
Schweizer Fakturierung

Magic Heidi unterstützt alle Preismodelle

Erfassen Sie Zeit auch bei Projektpreisen (Sie brauchen die Daten), erstellen Sie professionelle QR-Rechnungen, verwalten Sie Ausgaben und überwachen Sie die Projektrentabilität – alles in einer Schweiz-konformen Plattform.

  • ⏱️
    Multiplattform-Zeiterfassung

    Desktop-, Mobile- und Web-Apps synchronisieren automatisch

  • 🧾
    Schweizer QR-Rechnungen

    Konforme Fakturierung in Sekunden, jedes Preismodell

  • 📊
    Projektrentabilität

    Stundenbudgets setzen, um Scope Creep zu verhindern

  • 💰
    Flexible Preisgestaltung

    Stündlich, fix oder gemischt – fakturieren Sie wie Sie wollen

Rechnungen
  • Rechnung #3

    Magic Heidi

    CHF 500

    Jan 29

  • Rechnung #2

    Webbiger LTD

    CHF 2000

    Jan 24

  • Rechnung #1

    John Doe

    CHF 600

    Jan 20

Das Fazit

Es gibt kein universelles «Niemals» oder «Immer» bei der Freelance-Preisgestaltung.

Stundenabrechnung schützt Anfänger, während sie akkurates Schätzen lernen. Projektpreise belohnen erfahrene Profis für Effizienz. Wertbasierte Preise richten Sie auf höchstem Niveau am Kundenerfolg aus.

Die echten Schlüssel zum Preisstrategie-Erfolg:

  1. Scope Creep verhindern durch klare Verträge und Kommunikation
  2. Ihr Modell weiterentwickeln mit wachsender Erfahrung und Datenbasis
  3. Tarife kalkulieren basierend auf Ihren realen Kosten und gewünschtem Einkommen
  4. Kunden wählen, die Ergebnisse über Preis stellen
  5. Richtige Tools nutzen zur Rentabilitätskontrolle unabhängig vom Modell

Starten Sie, wo Sie stehen. Wenn Sie neu sind, rechnen Sie stündlich mit Projektobergrenzen ab. Tracken Sie alles. Bauen Sie Ihre Datenbasis auf. Mit wachsender Erfahrung wechseln Sie zu Modellen, die Ihre Effizienz und Expertise belohnen.

Das Ziel ist nicht, die Preismodell-Debatte zu gewinnen – es ist, das zu verdienen, was Sie wert sind, während Sie Kunden aussergewöhnlichen Mehrwert liefern. Das richtige Modell hilft Ihnen bei beidem.

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